Umbau Tessiner Hofanlage aus Steinbauten
Cavigliano TI

Das L-förmige Hauptgebäude umschliesst zusammen mit dem langgestreckten Wirtschaftsgebäude und einer Mauer den zentralen Hof und befindet sich im historischen Dorfkern von Cavigliano im Centovalli. Das dicht bewaldete Tal mit den zerklüfteten Felsen verbindet das Tessin mit dem Piemont und der Lombardei. Die italienischen Einflüsse zeigen sich unter anderem in der lombardisch geprägten Hofanlage, den Verputztechniken und der Gestaltung der Fussböden. Die Hofanlage in Cavigliano bestand ursprünglich neben dem Wohngebäude aus einer Wirtschaftseinheit mit Viehställen, Misthaufen im Nebenhof und eigener Weinkellerei im Stalltrakt. Das Hauptgebäude hat im Laufe der Jahrhunderte mehrere Umformungen und Erweiterungen erfahren. Zuletzt wurden Ende der 1970er Jahre die Loggien verglast, ein neuer Erschliessungstrakt angebaut und das vormals Stein gedeckte Sparrendach mit einem Ziegel gedeckten Pfettendach ersetzt. Den ältesten Teil der Hofanlage bilden die beiden Gewölbekeller, deren Urspünge bis in das 16. bzw. 17. Jahrhundert zurückreichen.

Der Umbau ist in zwei Etappen geplant. Die erste Etappe umfasste den Einbau eines neuen Heizsystems, die Dämmung der Aussenhülle, ein neues Dach auf dem Erschliessungstrakt sowie neu verputzte Wände und neue Bodenaufbauten. Die Bauherrschaft legte in sorgfältiger Kleinarbeit Überreste von älteren Wandmalereien und historischen Verputzen frei. Diese bilden nun einen stimmungsvollen Kontrast zu den neu verputzten Oberflächen. Beim Einbau des neuen Heizsystems fiel die Wahl auf eine Kombination aus Holzpellets und thermischer Solaranlage. Das Pelletlager steht heute in einem Stahltank in einem der beiden historischen Gewölbekeller, wo früher Weinfässer lagerten. Der in den 1970er Jahren angebaute Erschliessungstrakt wurde mit einer mineralischen Aussendämmung versehen und neu verputzt. Der gesamte Dachraum über den beiden Gebäudeflügeln wurde mit Zellulosefasern gedämmt. Die zwischen 60 und 80 cm starken Bruchsteinmauern aus dem typischen Tessiner Gneis wurden nur in den Fensterlaibungen mit einem Dämmputz versehen, ansonsten wurde auf die Innenoberflächen eine dünne Sumpfkalkglätte aufgebracht. Als besondere Herausforderung erwies sich dabei die Materiallogistik im engen Dorfkern von Cavigliano. Um auf Helikoptereinsätze zu verzichten, musste die Logistik rund um die Baustelle mit Handwagen geschehen.


Handwerkliche Besonderheiten: die Böden

Der Weinfassparkett: In einem der beiden Keller lagerten noch bis vor Baubeginn etliche halbvolle Weinfässer. Der Wunsch der Bauherrschaft bestand darin, das Holz der Fässer für die neuen Böden wiederzuverwerten. Die massiven Holzfässer aus Eiche und Kastanie hatten einen Durchmesser von 70 und 200 cm und waren zwischen 120 und 180 cm hoch. Die Fassdauben waren dabei nicht gleichmässig gebogen, sondern in der Mitte geknickt, mit einem Entlastungsschnitt auf der Aussenseite. Aus einer Daube liessen sich zwei relativ gerade Stücke herausschneiden. Da die Fässer jahrzehntelang im relativ feuchten Landbodenkeller gelagert wurden, musste das aufgeschnittene Holz erst im milden aber feuchten Tessiner Herbstklima getrocknet werden.

Die Verfärbung durch den Wein ergab eine Farbpalette von hell- über dunkelbraun mit rotbraunen bis grünen Einläufen. Aufgrund der verfügbaren Formaten und den unregelmässigen Grundrissen der Räume kristallisierte sich rasch der Fischgratparkett als geeignete Verlegeart heraus, wobei bei der paarweisen, gespiegelten Anordnung der Stäbe auf eine Furniertechnik zurückgegriffen wurde. Fischgrat- oder auch Fischgrätparkett ist eine klassische Verlegeart von Laubhölzern (Untergruppe der Stabparkette) und wurde früher auf eine minderwertige Unterkonstruktion aus Fichten-/Tannenriemen genagelt. Aus trittschalltechnischen Gründen klebten wir den Parkett auf eine Trägerplatte. Ein umlaufender Eichenfries bildet den Wandabschluss. Die Böden wurden plangeschliffen und danach mehrmals mit leicht weiss pigmentiertem Öl eingelassen und poliert.


Der Kalkterrazzo: Die Bauherrin hatte einen Kalkterrazzokurs absolviert und wollte in der Küche einen speziellen Boden realisieren, einen „Cocciopesto“. Die Küche befindet sich über den tonnenüberwölbten Kellerräumen, so musste erstmal mittels Schaumglasisolation eine ebene Grundlage geschaffen werden. Darauf wurde dann in drei Schichten der Boden gelegt und mehrheitlich von Hand verdichtet, gestampft und gespachtelt. Die Grundschicht ist etwa 12cm stark und besteht aus handelsüblichem 30-er Betonkies aus dem nahegelegenen Kieswerk, das aber einen sehr hohen 0/2-er Sandanteil aufwies und relativ feucht war.

Mit einer Bindemittelkombination aus ungelöschtem, gelöschtem und hydraulischem Kalk wurde den lokalen Materialgegebenheiten Rechnung getragen. Bei der 3-4 cm dicken Deckschicht wurde ausschliesslich mit Sumpfkalk gearbeitet. Zum lokalen Sand kamen noch Ziegelmehl und Ziegelschrot dazu, die zusammen mit Eisenoxydpigment für die intensive rote Farbe sorgten. Grobes Marmorkies aus dem Valle Maggia wurde nach Einbringen der Deckschicht eingestreut und anschliessend verdichtet. Darauf wurde eine pigmentierte Spachtelung aufgebracht, die hauptsächlich ein Austrocknungsschutz darstellt und nach einer ein- bis zweijährigen Trocknungszeit wieder abgeschliffen wird. Danach wird der Boden noch mit Leinöl eingelassen und poliert.


Umbauprozess

Schreiner- und Zimmermannsarbeiten, Holzböden, vorbereitende Baumeister-, Elektriker und Sanitärarbeiten.

Mitarbeit: Luzi Bau (Baumeisterarbeiten) Caviezel Schreinerei (Küchen und Türen), Charly Harzenmoser (Holzbodenfinish)
Architektur/Bauleitung: Salome Fravi und Stefan Höhn
Projektdauer: 2017-2018


Artikel zum Umbau im Schweizer Baublatt

 

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